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Verstrickungen: Wenn wir ein Leben führen, das nicht ganz unseres ist

23. Okt.
7 Min. Lesezeit


Manchmal wissen wir ziemlich genau, was wir anders machen möchten. Wir haben verstanden, dass uns eine Beziehung nicht guttut, dass wir im Beruf immer wieder an derselben Stelle scheitern oder dass wir uns viel zu sehr für das Wohlergehen anderer verantwortlich fühlen. Wir haben darüber gesprochen, Bücher gelesen, vielleicht eine Therapie oder ein Coaching gemacht. Und trotzdem passiert es wieder.


Der nächste Partner ist erstaunlich ähnlich wie der vorherige. Im neuen Unternehmen sitzt plötzlich wieder ein Vorgesetzter vor uns, bei dem wir uns klein und unsicher fühlen. Kaum zeichnet sich beruflicher Erfolg ab, beginnen wir zu zweifeln oder treffen Entscheidungen, die uns zurückwerfen. Oder wir merken, dass wir für Menschen Verantwortung übernehmen, obwohl wir längst erschöpft sind. Irgendwann kommt dann diese etwas ratlose Frage: Warum mache ich das eigentlich immer wieder?


In der systemischen Aufstellungsarbeit oder Familienaufstellung in Berlin begegnet uns an dieser Stelle häufig der Begriff der Verstrickung. Eine Verstrickung ist keine psychologische Diagnose. Der Begriff beschreibt vielmehr die Vorstellung, dass Menschen unbewusst an Personen, Erfahrungen, Rollen oder ungelöste Themen ihres Familien- oder Beziehungssystems gebunden sein können. Etwas wird übernommen, weitergetragen oder wiederholt, obwohl es zur eigenen heutigen Lebenssituation eigentlich gar nicht mehr passt.


Das geschieht in der Regel nicht bewusst. Ganz im Gegenteil. Oft fühlen sich diese Verhaltensweisen ausgesprochen vertraut und gerade deshalb richtig an. Erst wenn wir versuchen, etwas grundlegend zu verändern, merken wir, wie stark die Bindung an das Alte tatsächlich ist.


Wenn Loyalität stärker ist als der eigene Wunsch


Kinder sind auf Zugehörigkeit angewiesen. Sie beobachten sehr genau, was in ihrer Familie möglich ist und was nicht. Wie wird mit Konflikten umgegangen? Darf man erfolgreich sein? Darf man widersprechen? Wie viel Nähe ist erlaubt? Wer kümmert sich um wen? Was passiert, wenn jemand seine eigenen Bedürfnisse an die erste Stelle setzt?


Aus solchen Erfahrungen entstehen innere Orientierungen. Ein Kind kann beispielsweise lernen, dass es die Mutter nicht zusätzlich belasten darf. Ein anderes spürt, dass der Vater mit erfolgreichen Menschen Schwierigkeiten hat. Wieder ein anderes übernimmt früh Verantwortung für Geschwister oder einen psychisch belasteten Elternteil. Damals kann diese Anpassung sinnvoll gewesen sein, vielleicht war sie sogar notwendig. Dreißig Jahre später kann genau dieselbe innere Regel jedoch zum Problem werden.


Verstrickungen zeigen sich deshalb nicht unbedingt spektakulär. Häufig kommen sie ziemlich unscheinbar daher, als schlechtes Gewissen, diffuse Angst, als das Gefühl, nicht weitergehen zu dürfen, oder schlicht als dieses merkwürdige Erleben, sich trotz aller Anstrengung immer wieder im Kreis zu drehen.


Verstrickung 1: Immer wieder bei den falschen Partnern landen


Eine Beziehung endet schmerzhaft. Irgendwann beginnt eine neue und zunächst scheint alles anders zu sein. Nach einigen Monaten zeigt sich jedoch eine ähnliche Dynamik. Der Partner ist emotional kaum erreichbar, Nähe und Rückzug wechseln sich ab. Man selbst bemüht sich immer stärker um die Beziehung und erhält immer weniger zurück. Irgendwann stellt man fest: Das kenne ich doch.


Die Hintergründe können sehr unterschiedlich sein. Vielleicht war emotionale Unerreichbarkeit bereits in der Herkunftsfamilie vertraut. Vielleicht musste um Aufmerksamkeit gekämpft werden oder es gab einen Elternteil, der zwar körperlich anwesend, emotional aber weit entfernt war. Dann kann sich gerade das Vertraute später merkwürdigerweise wie Liebe anfühlen.


Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Menschen bewusst problematische Partner auswählen oder für das Verhalten anderer verantwortlich sind. Aber es lohnt sich zu fragen, weshalb bestimmte Beziehungskonstellationen wiederholt entstehen und weshalb andere Menschen, die vielleicht zuverlässig und zugewandt wären, manchmal überraschend uninteressant erscheinen.


Eine Familienaufstellung Berlin kann hier helfen, Beziehungsmuster sichtbar zu machen und Fragen zu öffnen, die bislang vielleicht noch gar nicht gestellt wurden. Wem versuche ich noch immer nahe zu sein? Welche Form von Beziehung habe ich kennengelernt? Und was würde passieren, wenn Beziehung plötzlich leicht sein dürfte?


Verstrickung 2: Erfolg haben wollen und ihn gleichzeitig verhindern


Manche Menschen investieren enorm viel in ihre berufliche Entwicklung. Sie arbeiten, bilden sich weiter und übernehmen Verantwortung. Doch kurz bevor ein wichtiger Schritt gelingt, passiert etwas. Eine Bewerbung wird nicht abgeschickt, ein attraktives Angebot wird ausgeschlagen oder die Selbstständigkeit immer wieder vorbereitet, aber nie begonnen. Manchmal ist der ersehnte Erfolg sogar endlich da und plötzlich fühlt er sich überhaupt nicht gut an.


Auch dahinter können systemische Loyalitäten stehen. Vielleicht stammt jemand aus einer Familie, in der wirtschaftlicher Erfolg mit Misstrauen betrachtet wurde, oder ein Elternteil hat beruflich nie die Möglichkeiten bekommen, die er sich gewünscht hätte. Vielleicht gab es Verluste, Enteignung, wirtschaftlichen Absturz oder die Erfahrung, dass Sichtbarkeit gefährlich sein kann. Unbewusst kann daraus eine merkwürdige innere Grenze entstehen: Ich darf weiterkommen, aber nicht zu weit.


Rational ergibt das wenig Sinn, emotional kann es sich jedoch ausgesprochen mächtig anfühlen. In einer systemischen Aufstellung kann untersucht werden, ob der berufliche Konflikt tatsächlich nur mit der aktuellen Situation zu tun hat oder ob ältere Loyalitäten eine Rolle spielen. Daraus muss keine dramatische Familiengeschichte entstehen. Manchmal ist die Erkenntnis erstaunlich schlicht: Ich darf mein Leben anders führen.


Verstrickung 3: Verantwortung für alle übernehmen


Es gibt Menschen, die scheinbar automatisch spüren, wenn es anderen nicht gut geht. Sie organisieren, vermitteln, helfen und springen ein. In der Familie sind sie häufig die Person, die angerufen wird, wenn etwas nicht funktioniert. Im Beruf übernehmen sie Aufgaben, die eigentlich niemand ihnen übertragen hat, und in Beziehungen kümmern sie sich irgendwann mehr um die Bedürfnisse des Partners als um ihre eigenen.


Das wird von außen nicht selten sogar positiv bewertet. „Auf dich kann man sich immer verlassen“, bekommen sie zu hören, was sich zunächst natürlich gut anfühlt. Nur irgendwann geht es nicht mehr.


Hinter einer solchen Überverantwortung kann eine frühe Rollenverschiebung stehen. Vielleicht musste ein Kind emotional für einen Elternteil da sein oder es gab Krankheit, Trennung oder Konflikte und das Kind versuchte, das System irgendwie zusammenzuhalten. Die damalige Strategie wird später zur Lebenshaltung: Wenn es allen anderen gut geht, darf es auch mir gut gehen.


Eine systemische Aufstellung kann sichtbar machen, wo Verantwortung hingehört und wo sie übernommen wurde. Manchmal liegt ein wesentlicher Schritt darin, innerlich wieder eine passendere Position einzunehmen. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil erwachsene Beziehungen nicht davon leben können, dass einer dauerhaft das Leben aller anderen trägt.


Verstrickung 4: Immer wieder kämpfen müssen


Ein neuer Arbeitsplatz beginnt vielversprechend. Einige Monate später entsteht ein Konflikt. Man fühlt sich nicht gesehen, übergangen oder ungerecht behandelt und wechselt schließlich das Unternehmen. Dort beginnt alles neu und irgendwann erstaunlich ähnlich.


Dasselbe kann in Freundschaften, Behördenkontakten oder anderen Beziehungen passieren. Natürlich gibt es schwierige Vorgesetzte, schlechte Unternehmenskulturen und reale Ungerechtigkeiten. Eine systemische Betrachtung darf niemals dazu führen, dem Betroffenen für das Verhalten anderer die Verantwortung zuzuschieben.


Wenn sich eine Konstellation jedoch immer wiederholt, darf trotzdem eine andere Frage gestellt werden: Was ist daran so vertraut?


Vielleicht musste bereits in der Herkunftsfamilie ständig um Anerkennung gekämpft werden. Vielleicht gab es eine starke Autorität, gegen die man sich niemals durchsetzen konnte, oder es wurde gelernt, dass Aufmerksamkeit erst entsteht, wenn ein Konflikt eskaliert. Dann wechseln zwar die Menschen, das Grundgefühl bleibt aber dasselbe. Wieder kämpfen, wieder beweisen und wieder darauf hoffen, irgendwann endlich gesehen zu werden.


Eine Aufstellung kann solche Beziehungspositionen sichtbar machen und ermöglichen, unterschiedliche innere Positionen überhaupt erst wahrzunehmen. Nicht jeder Konflikt lässt sich damit lösen. Aber manchmal verändert sich bereits etwas Entscheidendes, wenn verstanden wird, welcher alte Kampf im neuen Umfeld eigentlich weitergeführt wird.


Verstrickung 5: Ein Leben führen, das gar nicht richtig passt


Diese Form der Verstrickung ist häufig besonders schwer zu erkennen, denn nach außen ist eigentlich alles in Ordnung. Der Beruf ist vernünftig, die Beziehung funktioniert und das Leben läuft. Trotzdem bleibt ein hartnäckiges Gefühl, irgendwie am eigenen Leben vorbeizuleben.

Vielleicht wurde ein Beruf gewählt, den bereits Vater oder Mutter passend fanden. Vielleicht wurde Sicherheit wichtiger als ein eigener Wunsch oder jemand blieb in der Nähe der Familie, obwohl er eigentlich längst woanders leben wollte. Es muss dabei überhaupt keinen offenen familiären Druck gegeben haben. Manchmal reicht die unausgesprochene Botschaft: So machen wir das bei uns.


Wer sich daraus löst, erlebt nicht nur Freiheit. Häufig taucht zunächst Schuld auf. Darf ich glücklicher sein als meine Mutter? Darf ich ein leichteres Leben führen als mein Vater? Darf ich etwas verlassen, wofür andere gekämpft haben?


Genau an solchen Stellen wird verständlich, warum manche Veränderungen nicht allein durch Vernunft entstehen. Der Preis des Neuen scheint innerlich manchmal der Verlust von Zugehörigkeit zu sein.

Eine Familienaufstellung kann helfen, diese Verbindung bewusster wahrzunehmen. Das Ziel ist dabei nicht, sich von der Familie loszusagen. Im Gegenteil. Es kann darum gehen, Zugehörigkeit zu behalten, ohne dafür das eigene Leben aufgeben zu müssen.


Was eine Aufstellung leisten kann und was nicht


Eine Familienaufstellung Berlin kann keine Vergangenheit verändern. Sie kann auch nicht garantieren, dass Beziehungen anschließend funktionieren, Konflikte verschwinden oder bestimmte Symptome nicht mehr auftreten.


Was sie ermöglichen kann, ist etwas anderes: Eine Dynamik, die bisher nur diffus erlebt wurde, kann für einen Moment sichtbar und erfahrbar werden. Plötzlich steht nicht mehr nur die Frage im Raum, warum ich mich nicht entscheiden kann. Vielleicht lautet die interessantere Frage, wem gegenüber sich diese Entscheidung wie Verrat anfühlt.


Aus „Warum gerate ich immer wieder an solche Menschen?“ kann die Überlegung entstehen, was mir an dieser Beziehung bereits vertraut ist. Und aus „Warum bekomme ich mein Leben einfach nicht hin?“ wird vielleicht die Erkenntnis, dass ich Verantwortung trage, die eigentlich gar nicht meine ist.


Solche Perspektivwechsel können etwas in Bewegung bringen. Was daraus entsteht, entscheidet jedoch nicht die Aufstellung. Das geschieht danach im Leben, durch neue Entscheidungen, verändertes Verhalten und manchmal auch durch die Bereitschaft, Dinge auszuhalten, die sich zunächst noch ungewohnt anfühlen.


Verstrickungen beim Aufstellungskongress



Auch beim diesjährigen Aufstellungskongress Ende Oktober 2026 beschäftige ich mich in einem Interview mit dem Thema Verstrickungen. Mich interessiert dabei weniger die Frage, möglichst komplizierte systemische Erklärungen zu finden. Eigentlich interessiert mich das Gegenteil: Wie erkenne ich eine Verstrickung überhaupt in meinem Alltag? Warum fühlt sich Fremdes manchmal so sehr nach mir selbst an? Weshalb halten wir an bestimmten Rollen fest, obwohl sie längst nicht mehr notwendig sind? Und woran merken wir, dass wir gerade versuchen, etwas für einen anderen Menschen zu tragen?


Denn Verstrickungen zeigen sich selten mit einem großen Schild. Sie zeigen sich in unseren Beziehungen, Entscheidungen, Ängsten und manchmal auch darin, dass wir zum fünften Mal an einem Punkt stehen und denken: Das kann doch jetzt nicht schon wieder passieren.


Vielleicht ist genau dieser Moment der interessante. Nicht, weil mit uns etwas falsch wäre, sondern weil sich darin möglicherweise etwas zeigt, das bisher noch nicht wirklich verstanden wurde.


Eine systemische Aufstellung oder Familienaufstellung kann einen Raum schaffen, dieses Verborgene genauer anzusehen. Ohne festgelegtes Ergebnis und ohne das Versprechen, anschließend sei alles gelöst. Aber mit der Möglichkeit, besser zu unterscheiden, was tatsächlich zur eigenen Geschichte gehört, was wir von anderen übernommen haben und welche Erfahrungen, Verpflichtungen oder Vorstellungen wir künftig nicht mehr in gleicher Weise weitertragen möchten.


Manchmal beginnt Veränderung genau dort.

 
 
 

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