top of page

Die Kraft des Nein - Familienaufstellung Berlin

28. Sept.
8 Min. Lesezeit
Familienaufstellung Berlin

Es gibt Entscheidungen, bei denen wir eigentlich längst wissen, was wir wollen und trotzdem tun wir etwas anderes. Wir sagen zu, obwohl wir keine Zeit haben. Wir übernehmen Verantwortung, die uns niemand ausdrücklich übertragen hat. Wir bleiben in beruflichen Situationen, die uns schon lange nicht mehr entsprechen, und erklären uns selbst, warum es vernünftig ist, noch ein bisschen durchzuhalten. Wir fahren zu Familienfeiern, obwohl uns Tage vorher schon der Magen wehtut. Wir hören uns zum wiederholten Mal die Probleme eines Menschen an, obwohl wir längst merken, dass wir dafür eigentlich keine Kraft mehr haben. Und manchmal passiert dabei etwas Merkwürdiges: Noch während wir Ja sagen, spüren wir bereits das Nein.


Genau um dieses Nein geht es. Nicht um das Nein als Technik zur Abgrenzung, nicht um Ratgeberregeln nach dem Muster, man müsse einfach lernen, konsequenter zu sein, und auch nicht darum, anderen Menschen möglichst deutlich zu zeigen, wo unsere Grenzen liegen.


Die Kraft des Nein liegt aus meiner Sicht an einer anderen Stelle. Sie hat mit Selbstachtung zu tun, mit Richtung und mit einer inneren Autorität, der wir manchmal erstaunlich wenig vertrauen. Ein Nein kann bedeuten: Ich nehme wahr, was für mich stimmt und was nicht. Und ich erlaube mir, dieser Wahrnehmung Bedeutung zu geben. Das klingt zunächst einfach. Ist es oft überhaupt nicht.


Warum ein Nein so viel auslösen kann


Menschen lernen sehr früh, wie Zugehörigkeit funktioniert. Ein Kind ist darauf angewiesen, dass die Menschen um es herum für Sicherheit sorgen. Es beobachtet deshalb ziemlich genau, was in der Familie erwünscht ist, was Konflikte auslöst und wodurch Harmonie entsteht. In manchen Familien wird viel diskutiert und Widerspruch gehört selbstverständlich dazu. In anderen ist Anpassung wichtiger. Vielleicht darf man durchaus eine eigene Meinung haben, solange sie niemanden ernsthaft stört. Vielleicht gibt es einen Vater, der schnell gekränkt reagiert, eine Mutter, die viel Unterstützung braucht, oder Geschwister, für die man vernünftig sein soll.

Das muss nicht dramatisch sein. Gerade darin liegt manchmal die Schwierigkeit. Ein Kind könnte beispielsweise lernen: Wenn ich unkompliziert bin, geht es allen besser. Oder: Wenn ich mich zurücknehme, wird meine Mutter nicht traurig. Vielleicht auch: Wenn ich etwas ablehne, enttäusche ich jemanden. Solche Erfahrungen verschwinden nicht automatisch mit dem Erwachsenwerden. Sie können sich Jahrzehnte später in ganz anderen Situationen zeigen, ohne dass wir den Zusammenhang überhaupt bemerken.


Dann sitzt vielleicht eine 45 jährige Frau ihrem Vorgesetzten gegenüber und schafft es nicht, eine zusätzliche Aufgabe abzulehnen. Sachlich hätte sie allen Grund dazu. Ihr Kalender ist voll, ihre Zuständigkeit eigentlich eine andere. Trotzdem sagt sie Ja. Vielleicht aus Angst vor einem Konflikt, vielleicht weil sie als zuverlässig gelten möchte. Vielleicht kennt sie dieses Gefühl aber auch schon sehr lange: Ich darf keinen zusätzlichen Aufwand verursachen. Ich muss es irgendwie schaffen. Andere verlassen sich auf mich.


Bei einer Familienaufstellung Berlin könnte es deshalb sinnvoll sein, nicht nur auf die aktuelle Situation zu schauen. Interessanter wäre möglicherweise die Frage, warum ein Nein überhaupt so viel innere Spannung erzeugt. Denn nicht selten ist es weniger die konkrete Entscheidung selbst, die uns Schwierigkeiten bereitet, sondern das, was wir unbewusst mit dieser Entscheidung verbinden.


Besonders deutlich wird das häufig innerhalb von Familien. Stellen wir uns einen erwachsenen Sohn vor, dessen Mutter zunehmend Unterstützung benötigt. Er hilft beim Einkaufen, organisiert Arzttermine, kümmert sich um Formulare und ist erreichbar, wenn etwas passiert. Seine Geschwister könnten ebenfalls Aufgaben übernehmen, tun es aber kaum. Irgendwann merkt er, dass es zu viel wird. Eigentlich wäre die Situation eindeutig. Er müsste Verantwortung abgeben. Doch sobald er darüber nachdenkt, entstehen Schuldgefühle. „Sie hat früher so viel für mich getan.“ Dieser Satz kann vollkommen richtig sein. Trotzdem beantwortet er noch nicht die Frage, wie viel Verantwortung ein erwachsenes Kind für einen Elternteil übernehmen kann und möchte.


Vielleicht sagt dieser Sohn irgendwann tatsächlich Nein und verbringt anschließend zwei Tage damit, sich dafür schlecht zu fühlen. Dann hat er zwar äußerlich eine Grenze gesetzt, innerlich aber noch lange keine. Genau an solchen Stellen wird das Thema für mich interessant. Denn ein ausgesprochenes Nein bedeutet nicht automatisch, dass wir uns diese Entscheidung auch innerlich erlauben.


Eine Familienaufstellung mit Frank Schürmann könnte hier einen Rahmen bieten, um solche Beziehungen und Loyalitäten genauer anzuschauen. Nicht um festzustellen, wer Recht hat und wer Unrecht. Auch nicht um zu bestimmen, wie viel Unterstützung für einen Elternteil angemessen wäre. Es könnte vielmehr darum gehen wahrzunehmen, was hinter dem Schuldgefühl steht. Ist es tatsächlich nur die aktuelle Situation? Oder gibt es vielleicht eine ältere Vorstellung davon, für das Wohl anderer verantwortlich zu sein? Eine Aufstellung liefert darauf keine garantierte Antwort. Sie könnte jedoch eine andere Perspektive ermöglichen und damit etwas sichtbar machen, das vorher eher diffus geblieben ist.


Selbstachtung und die eigene Richtung


Wenn über Nein sagen gesprochen wird, geht es meistens um Kommunikation. Wie formuliere ich ein Nein freundlich? Wie setze ich Grenzen? Wie bleibe ich konsequent? Das alles kann sinnvoll sein, setzt aber relativ spät an. Denn bevor ein Mensch ein Nein überzeugend vertreten kann, müsste er sich selbst überhaupt zugestehen, Nein sagen zu dürfen.


Wer innerlich davon überzeugt ist, egoistisch zu sein, sobald er eigene Bedürfnisse ernst nimmt, wird wahrscheinlich auch ein gut formuliertes Nein sofort wieder relativieren. Dann folgt auf die Ablehnung eine ausführliche Erklärung, eine Entschuldigung oder gleich ein neues Angebot. „Eigentlich kann ich nicht, aber wenn es wirklich dringend ist, könnte ich vielleicht doch.“ Schon ist aus dem Nein wieder ein halbes Ja geworden.


Selbstachtung bedeutet für mich an dieser Stelle nicht, die eigenen Bedürfnisse grundsätzlich wichtiger zu nehmen als die anderer Menschen. Das wäre ein ziemlich schiefes Verständnis davon. Beziehungen funktionieren nur, wenn Menschen Kompromisse eingehen, Verantwortung übernehmen und auch einmal Dinge tun, die ihnen nicht gefallen.


Selbstachtung könnte vielmehr bedeuten, die eigene Wahrnehmung nicht ständig zu entwerten. Wenn ich seit Monaten merke, dass eine berufliche Situation mir nicht mehr entspricht, dann verdient diese Wahrnehmung zumindest Aufmerksamkeit. Wenn ich nach jedem Treffen mit einem bestimmten Menschen völlig erschöpft bin, darf ich mich fragen, warum. Und wenn ich eine Entscheidung immer wieder verschiebe, obwohl ein Teil von mir längst weiß, was er möchte, dann lohnt sich ein genauerer Blick.


Ein Nein kann sich dabei auch gegen etwas richten, das einmal richtig war. Ein Beruf kann zwanzig Jahre passen und irgendwann nicht mehr. Eine Rolle innerhalb einer Familie kann lange sinnvoll gewesen sein und später zu eng werden. Selbst Eigenschaften, auf die wir früher stolz waren, können irgendwann eine andere Seite entwickeln. Vielleicht war es jahrelang eine Stärke, immer zuverlässig zu sein. Irgendwann wird daraus der innere Satz: Ich darf niemanden hängen lassen. Vielleicht war Verantwortungsbewusstsein wichtig. Später wird daraus: Ohne mich funktioniert es nicht. Vielleicht war Anpassungsfähigkeit in einer bestimmten Lebensphase sogar notwendig. Heute verhindert sie womöglich, eine eigene Richtung einzuschlagen.


So etwas geschieht selten plötzlich. Meist merken Menschen zunächst nur, dass etwas nicht mehr stimmt. Danach beginnt häufig eine Phase, in der wir versuchen, das alte Leben doch noch irgendwie passend zu machen. Noch ein bisschen durchhalten. Noch ein Gespräch. Noch eine Veränderung. Vielleicht wird es ja wieder. Manchmal wird es das tatsächlich. Manchmal aber eben nicht.Das Nein wäre dann keine Ablehnung der Vergangenheit. Es könnte eher bedeuten: Das war einmal richtig für mich. Heute ist es das möglicherweise nicht mehr. Ein einfacher Satz, aber manchmal ein verdammt schwerer.


Genau hier kommt für mich die innere Autorität ins Spiel. Wir verbringen einen großen Teil unseres Lebens damit, Orientierung von außen zu bekommen. Als Kinder sagen uns Erwachsene, was richtig ist. In der Schule werden Leistungen bewertet. Im Beruf gibt es Vorgesetzte, Hierarchien und Erwartungen. Auch Freunde, Partner und Familienmitglieder haben Vorstellungen davon, wie unser Leben aussehen sollte. Das ist vollkommen normal. Problematisch wird es erst, wenn wir bei wichtigen Entscheidungen fast ausschließlich danach fragen, was andere für richtig halten.


Soll ich den Job wechseln? Was sagt mein Partner? Soll ich weniger arbeiten? Was werden meine Kollegen denken? Soll ich Weihnachten dieses Jahr nicht zur Familie fahren? Wie wird meine Mutter reagieren? Und irgendwo dazwischen verschwindet eine Frage, die eigentlich ziemlich wesentlich wäre: Was halte ich selbst für richtig?


Innere Autorität heißt nicht, immer sicher zu sein. Sie bedeutet auch nicht, dass wir keine Ratschläge mehr brauchen. Ein Mensch kann sich beraten lassen, Zweifel haben und seine Entscheidung fünfmal überdenken. Am Ende muss trotzdem jemand entscheiden. Und das sind wir selbst.


Beim Familienaufstellung Berlin könnten genau solche inneren Bewegungen interessant werden. Vielleicht zeigt sich, dass eine Person ihre Entscheidungen unbewusst noch immer an der Zustimmung eines Elternteils ausrichtet. Vielleicht könnte sichtbar werden, dass beruflicher Erfolg innerlich mit Schuld verbunden ist oder dass ein Nein gegenüber einem Familienmitglied das alte Gefühl auslöst, nicht mehr dazuzugehören. Das muss nicht so sein. Aber es könnte sein. Und manchmal reicht schon die Möglichkeit einer anderen Betrachtung, damit eine festgefahrene Situation nicht mehr ganz so fest erscheint.


Wenn das nicht gesagte Nein trotzdem Wirkung entfaltet


Ein Nein, das wir nicht aussprechen, verschwindet übrigens nicht unbedingt. Es kann sich auf andere Weise zeigen. Vielleicht werden wir gereizt, reagieren plötzlich unverhältnismäßig stark auf Kleinigkeiten oder ziehen uns zurück. Vielleicht erledigen wir Aufgaben nur noch widerwillig. Manchmal entwickeln wir sogar erhebliche Wut auf Menschen, denen wir vorher jahrelang geholfen haben. Dann lohnt sich eine eher unbequeme Frage: War meine Hilfe wirklich freiwillig?


Das soll niemandem die Verantwortung für übergriffiges oder ausnutzendes Verhalten abnehmen. Menschen können zu viel verlangen, Druck erzeugen oder Grenzen ignorieren. Trotzdem könnte es hilfreich sein, zusätzlich den eigenen Anteil anzusehen. Warum habe ich immer wieder Ja gesagt? Was hätte ich befürchtet, wenn ich Nein gesagt hätte? Welche Vorstellung von mir selbst wäre vielleicht ins Wanken geraten?


Gerade solche Fragen können aus einem scheinbaren Grenzenthema ein Thema für eine Familienaufstellung Berlin machen. Bei einer Familienaufstellung mit Frank Schürmann könnte dabei ein konkreter Konflikt Ausgangspunkt sein. Vielleicht geht es um die Mutter, der man nicht widersprechen kann. Um einen Arbeitgeber, bei dem jede zusätzliche Aufgabe übernommen wird. Um eine Beziehung, in der man ständig nachgibt. Oder um eine berufliche Entscheidung, die seit Jahren vertagt wird.


In einer systemischen Aufstellung könnten Personen oder auch Aspekte wie Pflicht, Zugehörigkeit, Verantwortung, der eigene Wunsch oder das Nein selbst einen Platz bekommen. Dadurch könnte deutlicher werden, wie diese Elemente innerlich miteinander verbunden sind. Eine Familienaufstellung gibt dabei keine Entscheidung vor. Sie kann nicht sagen: Kündige deinen Job, trenne dich oder brich einen Kontakt ab. Genau das wäre auch nicht der Sinn einer solchen Arbeit.


Sie könnte vielmehr dabei unterstützen, besser zu unterscheiden. Was ist meine Verantwortung und was gehört zu einem anderen Menschen? Wo handle ich aus eigener Überzeugung und wo möglicherweise aus Angst vor Ablehnung oder aus einer Loyalität heraus, die mir bisher kaum bewusst war? Beim Familienstellen Berlin könnte daraus eine neue Sicht auf eine Situation entstehen. Was ein Mensch anschließend daraus macht, bleibt seine eigene Entscheidung.


Die Kraft des Nein


Vielleicht liegt die eigentliche Kraft eines Nein deshalb gar nicht nur im Aussprechen des Wortes. Sie liegt schon in dem Moment davor. In diesem kurzen Augenblick, in dem wir wahrnehmen: Eigentlich möchte ich das nicht. Normalerweise beginnen dann sofort die Argumente. Sei vernünftig. Stell dich nicht so an. Was sollen die anderen denken? Du kannst die Person doch jetzt nicht hängen lassen.


Vielleicht wäre es manchmal interessant, diese Argumente nicht sofort gewinnen zu lassen und stattdessen einen Moment bei der eigenen Wahrnehmung zu bleiben. Was würde ich entscheiden, wenn ich niemanden überzeugen müsste? Was möchte ich, wenn ich mich für einen Moment nicht mit den Erwartungen anderer beschäftige? Und was daran fällt mir eigentlich so schwer?


Ein kraftvolles Nein muss nicht laut sein. Es braucht keine Wut und keinen großen Auftritt. Manchmal ist es lediglich ein ruhiger Satz: Nein, diesmal nicht. Nein, diesen Weg möchte ich nicht weitergehen. Nein, diese Verantwortung gehört nicht zu mir.


Vielleicht ist das gar keine Abgrenzung im klassischen Sinn. Vielleicht ist es vielmehr die Entscheidung, der eigenen Wahrnehmung, der eigenen Richtung und letztlich auch sich selbst wieder ein Stück mehr zu vertrauen.

 

 
 
 

Kommentare


bottom of page