Unsichtbare Verletzungen: Weshalb sie sich oft vor uns verstecken

August 21, 2018

Nicht jede seelische Verletzung ist so tief, dass sie uns zwangsläufig für den Rest unseres Lebens begleitet. Die meisten bewältigen wir mit der Zeit von ganz alleine. Über andere denken wir kaum noch nach, sie spielen in unserem Leben keine Rolle mehr. Wie sicher sind wir wirklich vor ihnen?

 

Das können wir relativ leicht an der Art und Weise ablesen, wie wir heute in bestimmten Situationen reagieren. Werden unsere Urinstinkte für Gefahr aktiviert, wollen wir am liebsten weglaufen, angreifen, oder „einfrieren“?

 

Solche Situationen können uns fast überall begegnen: Im Job, mit dem Partner und überhaupt überall dort, wo wir mit anderen Menschen in Beziehung und Kontakt treten. Häufig treffen wir sie dort, wo wir eigentlich Harmonie und Schutz erwartet hättet: Im Kontakt mit der Familie, aus deren Schoß wir stammen.

 

Die Familie ist leider für viele ein Ort, an dem ihnen ihre frühesten unsichtbaren Verletzungen zugefügt worden sind. Es hat immer einen Grund, wenn die eigene Familie später ein „rotes Tuch“ für uns wird und wir den Kontakt am liebsten meiden, oder nur widerwillig zulassen – letzteres oft aus einem Pflichtgefühl heraus, weil man das „eben so macht“, als guter Sohn und als gute Tochter.

 

Wenn wir uns im Kontakt mit unserer Familie unwohl fühlen, neigen wir zu Überreaktionen. Damit wollen wir uns vor einer erneuten Verletzung schützen, werden aber stattdessen am ehesten als gestresst oder sogar hysterisch wahrgenommen.

 

Diese kleineren und größeren Anlässe sind in Wahrheit sehr wertvoll, denn sie zeigen uns untrüglich, dass etwas nicht in Ordnung ist und es Zeit ist, aktiv zu werden!

 

 

Hinweis: Am Samstag, 08. September 2018, veranstalte ich im ResilienzForum Berlin eine Familienaufstellungen in der Gruppe zum Thema unsichtbare Verletzungen. Hier können Sie sich für die Teilnahme anmelden.

 

 

Wie unsichtbare Verletzungen entstehen

 

Besonders häufig entstehen seelische Verletzungen in der Kindheit. Weil wir uns noch nicht aktiv zur Wehr setzen konnten, hatten wir meist keine andere Wahl, als einfach alles über uns ergehen zu lassen. Im Tierreich gibt es für dieses Verhalten sogar eine konkrete Bezeichnung: den Totstellreflex. Es ist dies gewissermaßen eine Art Flucht nach Innen.

 

Auch wenn wir längst erwachsen sind, können wir noch immer die Tendenz haben, in ähnlichen Situationen immer wieder auf das einmal erlernte Verhalten zurückzugreifen. Die häufigsten Ursachen hierfür sind:

 

  • Mobbing: Wer als Kind von anderen zum Außenseiter gemacht wurde, leidet oft ein Leben lang darunter. Später können wir uns leicht erneut in der Position desjenigen wiederfinden, der gemobbt wird. Wer andere mobbt, ist oft auch sehr geschickt darin, seine Umwelt für seine Zwecke zu manipulieren. Das kann so weit gehen, dass wir am Ende unserer eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen und uns auch rückblickend selbst die Schuld für das Mobbing geben.

 

  • Trauer und Verlust: Der Verlust eines geliebten Menschen hinterlässt gerade in Kinderseelen tiefe Spuren. Werden wir als Erwachsene erneut mit einem Verlust konfrontiert, so ist es möglich, dass wir nicht ohne Weiteres in der Lage sind, einfach so weiterzumachen, wie bisher. Manchmal wird die Trauer mit dem Verstreichen der Zeit erträglicher, wurde sie früher nicht bearbeitet bleibt sie manchmal präsent, wie am ersten Tag.

 

  • Trauma: Sind unsichtbare Verletzungen besonders tief, sagen wir, dass jemand eine traumatische Erfahrung erlitten hat. Eine traumatische Erfahrung ist derart intensiv, dass sie unser Weltbild massiv und nachhaltig erschüttern lässt. Die Ursachen sind vielfältig, die Folgen für jeden anders. Was für den einen zu einem traumatischen Erlebnis wird, steckt ein anderer einfach weg. Daher ist es notwendig, sich dies individuell und im geschützten Rahmen anzusehen.


 

Weshalb wir unsichtbare Verletzungen verdrängen und verleugnen

 

Während wir uns an Mobbing-Situationen in der Schule auch als Erwachsene noch gut erinnern können, kann es Arten von unsichtbaren Verletzungen aus der Kindheit geben, die im Laufe der Zeit von uns ins Unbewusste verdrängt worden sind.

 

Das betrifft vor allem solche Verletzungen, die uns von der eigenen Familie zugefügt worden sind. Erlebten wir als Kinder gar schwere Übergriffe durch Familienmitglieder, führte das zu einer Abspaltung des Erlebten. Gefühle, die eine natürliche Reaktion auf das Erlebte gewesen sind, wurden verdrängt und im Inneren eingeschlossen.

 

Abspaltung und Verdrängung waren die einzigen Möglichkeiten, das eigene Überleben zu sichern: Wir waren existenziell auf die Versorgung durch unsere Eltern angewiesen und entwicklungsgemäß fehlte uns die Fähigkeit, uns von dem Geschehenen zu distanzieren und ihm einen Namen zu geben.

 

Das Verdrängen, oder Verleugnen, hat neben dem Überleben eine weitere Funktion: In der systemischen Aufstellungsarbeit gehen wir davon aus, dass wir unserer Herkunftsfamilie, gewissermaßen „von Natur aus“, gegenüber loyal sein möchten. Wird uns dieses natürliche Verhalten aufgrund von zugefügten Verletzungen verunmöglicht, zeigt sich das in Verhaltensweisen, die unsere innere Not zum Ausdruck bringen:

 

  • Betäubung: Das Leben wird mithilfe von Drogen, Alkohol, Sex, Essen, Kaufrausch und ähnlichen Verhaltensweisen aushaltbar gemacht. Die ursprünglichen traumatischen Gefühle werden immer wieder getriggert. Vielleicht geraten wir immer mal wieder in rasende und der Situation unangemessene Wut, oder wir fühlen uns grundlos traurig oder einsam. Diese hochschießenden oder vermeintlich inadäquaten Gefühle werden dann auf die oben genannten Arten reguliert, kompensiert und betäubt.

 

  • Unfälle und Suchen riskanter Situationen: Besonders gefährdet sind Menschen, die als Kind nur dann „gesehen“ wurden, wenn sie krank waren oder etwas anstellten, das die Erwachsenen missbilligten. Man spricht auch vom sekundären Krankeitsgewinn, weshalb es im späteren Leben gehäuft zu Unfällen oder Krankheiten kommen kann. Andere können sich überhaupt nur noch in extremen Situationen spüren und suchen deshalb häufig die Gefahr. Manchmal wird systemisch auch das tragische Schicksal eines früheren Familienangehörigen übernommen und sich deshalb wiederholt einer Gefahr ausgesetzt.

 

  • Kontaktlosigkeit: Obwohl wir in Gesellschaft sind, fühlen wir uns als Außenseiter. Obwohl wir einen Partner haben, fühlen wir uns einsam. Irgendwie gehören wir nie dazu, in Gruppen fühlen wir uns immer etwas unwohl. Die Freundschaften, die andere so einfach eingehen können, fühlen sich bei uns nie ganz richtig an, oder sie entstehen erst gar nicht. Es ist, als ob uns die Verbindung zur Welt fehlt.

 

 

Unsichtbare Verletzungen – Was eine systemische Aufstellung leisten kann

 

Wir nehmen uns Zeit, die Beweggründe und Motive der beteiligten Familienmitglieder einmal gründlich von außen zu betrachten und nachzuvollziehen: Wer handelte wie und warum? Welche Einstellungen sind heute bei einzelnen Angehörigen im Vordergrund? Welches ist mein Platz im Familiensystem, warum wurde ich früher nicht gesehen und was kann ich tun, damit es in der Zukunft anders wird?

 

Jede Familie hat ihre eigene Geschichte, was bei einer Familienaufstellung „heraus kommt“, ist daher immer sehr individuell. Aus meiner Erfahrung als Familienaufsteller kann ich jedoch sagen, dass sich diese Erfahrungen im Nachhinein fast immer als wertvoll erweisen.

 

Das gesamte System wird gestärkt, wenn durch die neugewonnenen Erkenntnisse abgespaltene Anteile wieder integriert werden können, oder wenn keine weitere Energie in die permanente Abwehr von unangenehmen Erlebnissen und Gefühlen investiert werden muss. Wir lernen, uns stattdessen mit all unseren Gefühlen anzunehmen (interner Link). Wir dürfen das Leben wieder komplett fühlen und brauchen im besten Falle die Kompensation und das Betäuben nicht mehr.

 

Eine systemische Aufstellung ist hier manchmal nur der erste Schritt. Eine weitere therapeutische Begleitung kann der nächste Schritt und eine sinnvolle Ergänzung zu den Erkenntnissen aus einer Familienaufstellung sein.

 

 

Aufstellung am Wochenende in Berlin: Am Samstag, 08. September 2018, veranstalte ich im ResilienzForum Berlin eine Familienaufstellungen in der Gruppe zum Thema unsichtbare Verletzungen. Hier können Sie sich für die Teilnahme anmelden.

Lesen Sie hier mehr zum Thema: Familiäre Verstrickungen: Wie sie entstehen, welche Folgen sie haben und wie sich lösen lassen

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